Reisetagebuch von Christian Kaiser

Torres del Viento

Als ich vor Jahren mein letztes aktives Pfadiamt abgab, bekam ich zum Abschied ein Abo vom «Lonely Planet» Reisemagazin geschenkt. In einer dieser Ausgaben war ein grosser Bericht über den Torres del Paine Nationalpark, dessen Bilder sicher mitverantwortlich für die jetzige Reise waren. Im Text stand aber auch, dass es in Patagonien «immer winde». Ich verstand nicht, weshalb das extra betont wurde, schliesslich weht auch in der Schweiz öfters mal der Wind und wir finden das nicht sehr erwähnenswert.

Vor ein paar Tagen aber wurde mir die Bedeutung jener Aussage klar und deutlich. Angefangen hatte es schon in El Chaltén, mehr dann in El Calafate, und auf dem Weg zum Torres del Paine war es nicht mehr zu ignorieren, nämlich: Hier windet es immer! Und zwar wie wenn jemand dieses ganze südliche Patagonien beim «Sauber»-Rennstall in Hinwil in den Windkanal gestellt hätte (kein Wunder, ging denen das Geld aus). Im Hotel pfiff Tag und Nacht der Wind durch die Ritzen und manchmal tönte es so, als würde gleich ein Fenster zerspringen. Auf all unseren Spaziergängen und Wanderungen blieben wir mehrmals unfreiwillig stehen, kamen fast vom Weg ab, oder mussten uns an einem Felsen festhalten, weil grad wieder so eine richtige, langanhaltende Bö über uns hinwegfegte. Selbstredend, dass wir meistens Gegenwind hatten und bei jeder Bö auch eine Handvoll Sand in die Augen flog. Während einer Autofahrt hatten wir einmal so viel Rückenwind, dass die von den Pneus aufgewirbelten Steine ans eigene Heckfenster prasselten.

Okay, es windete also. Aber abgesehen davon ist dieser Nationalpark wirklich schön. Man kann ja nicht jeden Tag haushohe Eisberge am Seeufer bestaunen (Lago Grey) oder einem Schwarm Kondoren beim Kreisen zusehen. Und dann diese imposanten Berge: Die drei «Torres»-Granitpfeiler und die «Cuernos» sind schon sehenswert, und ich sag das, obwohl wir in der Schweiz ja wahrlich genug Berge haben. Unsere Wanderung zur Laguna Torres haben wir zum Glück frühzeitig begonnen, denn wir sahen die Bergspitzen gerade noch eine Viertelstunde lang, bevor sie in den Wolken verschwanden. Auf dem Rückweg erreichten uns dann schon die ersten Regentropfen und zwar waagrecht von hinten, denn über uns hatte es gar keine Wolken. Hatte ich den Wind schon erwähnt?

Amigos suizos en Patagonia

Aber Themenwechsel: Am Abend nach der Wanderung trafen wir nämlich Freunde. Wir hatten im Oktober rausgefunden, dass Dominik und Fränzi per Zufall zur gleichen Zeit die fast gleiche Reiseroute geplant hatten. Aber eben nur fast, denn sie starteten ein paar Tage später. Also waren sie uns während zwei Wochen ständig auf den Fersen, aber wir waren nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Weil sie aber längere Streckenabschnitte fuhren, holten sie auf: in El Calafate kamen sie am gleichen Tag an, an dem wir morgens weitergefahren waren. Und im Torres del Paine sollte es nun endlich klappen. Zwar lag ihre Estancia rund 30km von unserem Hotel weg, also fuhren wir zu ihnen und hatten einen schönen Abend mit feinem Nachtessen (@Dominik: Danke nochmals für die Einladung, wir revanchieren uns dann in ein paar Monaten in der Schweiz!)

La gasolina

Bloss, die Estancia war nicht 30 sondern 50km von unserem Hotel weg, somit hatten wir 100 Zusatzkilometer gemacht. Und da es im Nationalpark keine Tankstellen gibt, wird man überall gewarnt, dass man vollgetankt reinfahren und stets auf die Tankanzeige schauen sollte. Haben wir auch gemacht, bloss fiel diese Anzeige immer tiefer. Als wir nach unserem Ausflug wieder im Hotel waren, zeigte sie noch etwa 10% an, aber bis zur nächsten Tankstelle waren’s 140km. Mir war schon vorher klar, dass es knapp werden würde, also hatte ich bereits auf Dominiks Estancia nach Benzin gefragt (hatten keines) und danach hatten wir versucht, mit Schlauch und Kanister bei Dominiks vollgetanktem Auto Benzin abzuzapfen (ging auch nicht, diese modernen Schlitten haben so einen Diebstahlschutz, da kannst du nicht mehr einfach einen Schlauch reinhalten und saugen).

Also fuhren wir am nächsten Morgen mit einem Kribbeln im Bauch los, so schaltaktiv und anständig wie noch nie, ständig den Blick auf der «Miles per Gallon»-Anzeige und auf der Benzinuhr. Ich bin sicher, das Ding hätte schon bald angefangen zu blinken oder piepsen, hätten wir nicht «irgendwo» noch 10 Liter Gasolina aufgetrieben (ich sag aber nicht wo, denn offiziell dürfen sie ja keins verkaufen). Jedenfalls erreichten wir Puerto Natales ohne schieben, wandern oder stöppeln-Kanister-kaufen-und-zurück-stöppeln. Viel schlimmer, wir erreichten die Tankstelle mit noch knapp 19 Litern im Tank! Diese Tankanzeigen sind so was von auf sicher getrimmt, wir hätten die teuer erkauften Zusatzliter gar nicht gebraucht. Hätten uns die Nervosität und das ganze Tam-Tam sparen können, und der Gartenschlauch auf Dominiks Estancia wär jetzt auch nicht 2m kürzer…

4 Kommentare

  1. Christian sagt:

    @Severin: Danke Dir & gerne doch, habe ja sonst grad nix anderes zu tun . Beste Grüsse in die Schweiz! Chau, Christian

  2. Christian sagt:

    @Phil: Hey, good to hear from you. Nice you like the pics, of course the only reason I put them here is to make people jealous . Cheers, Christian

  3. Severin sagt:

    Danke für diesen Bericht, sehr unterhaltsam geschrieben 🙂
    Weiterhin eine gute Reise wünsche ich euch beiden!

  4. Phillip Eaton sagt:

    Love your pictures, looks like you’re having an excellent journey! I’m so jealous!!

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Reisender Computerfreak und neuerdings Blogger.