Reisetagebuch von Christian Kaiser

Monat: Februar 2017 (Seite 2 von 2)

El Glaciar insidioso

Hinterlistig, so richtig fies und hinterhältig. Anders kann man diesen Gletscher nicht bezeichnen. Ständig donnert und platscht es, weil wieder irgendwo ein Stück Eis von der riesigen Frontwand abbricht und ins Wasser klatscht, aber nie sieht man was! Man kann minutenlang ein extrem abbruchgefährdetes Stück Eis anschauen, doch nichts bewegt sich. Und kaum schaut man mal weg, kracht und platscht es wieder. Meistens sieht man noch ein wenig Gischt und in den besseren Fällen eine Welle, die sich halbkreisförmig vor der Wand ausbreitet, aber sicher nie den Abbruch selber. Ich sag Euch, der Perito Moreno macht das extra!

Und es ist eine grosse Kunst, hier unerkannt sein Eis abzuwerfen, denn kaum ein Gletscher auf der Welt steht so unter Beobachtung, wie der Glaciar Perito Moreno. Auch wir haben uns in den Touristenstrom eingefügt, sind mit dem Schiff an der Südostwand vorbeigefahren, mit dem Steigeisen auf eine kleine Gletschertour (inklusive einem Whisky «on the Rocks» zum Tour-Abschluss), haben dann während dem Zmittag eine Stunde lang die bis zu 70m hohe Eiswand beobachtet, sind schliesslich mit dem Schiff zurückgefahren und zu den Aussichtskanzeln gebracht worden. Hier, am Punkt wo der Gletscher den See durchquert hat und am anderen Ufer anschlägt, hat man beste Aussicht auf die sonnenbeschienene Nordostwand, wo eigentlich noch mehr spektakuläre Abbrüche zu beobachten sein sollten. Also haben wir nochmals eine Stunde hingeschaut, aber wieder nichts gesehen. Eben, siehe oben, hinterlistig.

Las montañas famosas

Zwei Tage in El Chaltén, im Mekka der Outdoor-, Camper- und Backpacker-Szene. Wir taten, was hier alle tun: tagsüber wandern und fotografieren, dann zum «après-hike» mit Kaffee und Kuchen ins Strassencafé sitzen und die spektakuläre «Skyline» geniessen.

Am Samstag wanderten wir bei traumhaftem Wetter den «Sendero Laguna Torre» zum Mirador Maestri und am Sonntag bei immer noch gutem Wetter den «Sendero al Cerro Fitzroy» bis zur Laguna de los Tres. Mehr gibt’s dazu nicht zu berichten, Bilder sagen ja bekanntlich mehr als Worte…

Ruta Nacional Nº 40

Paso Roballos

Nach 60km Fahrt durch das einsame Valle Chacabuco öffnete sich die Landschaft und wir erreichten den Paso Roballos und damit die Grenze zu Argentinien. Die Ausreise aus Chile war einfach: Eine Computerabfrage, drei Stempel, man wünschte uns eine gute Reise und öffnete das Tor. Muy tranquilo, wir waren erst das zweite Auto an diesem Tag. Dann fuhren wir 11km durchs Niemandsland. Einmal schreckten wir einen Adler auf, ein andermal musste ich wegen einem Gürteltier voll auf die Bremse stehen (und gleich raus mit der Fotokamera, aber ohne Erfolg; Das kleine Ding hatte sich versteckt!). Die Einreise nach Argentinien war dann ein wenig bürokratischer, der junge Grenzwächter musste sich sichtlich konzentrieren, um in die richtigen Bücher die jeweils korrekten handschriftlichen Einträge zu machen. Und dazwischen musste er noch zweimal den Hund aus der Hütte verscheuchen. Doch schliesslich kriegten wir auch hier alle nötigen Stempel und durften weiterfahren. Egal auf welcher Seite, die Arbeit als Grenzwächter an diesem Übergang ist ein einsamer Job.

Bajo Caracoles

Als nächstes erwartete uns wiedermal eine Schotterpiste, wobei diese auf der argentinischen Seite viel breiter, dafür weniger präpariert war. Inzwischen waren die Berge einem weitläufigen Hügelland gewichen, mit sandigen Böden und gelben Grasbüscheln. An einem Teich fanden wir nebst Enten auch ein paar Flamingos, und auf der Strasse gab es ab und zu flüchtende Guanacos und so komische Rennvögel (Nandus oder so, keine Ahnung?). Nach einer Stunde erreichten wir Bajo Caracoles, wo wir ein kleines Vermögen für Benzin, Kaffee und Sandwich ausgaben (einzige Tankstelle im Umkreis von 300km = klassisches Angebotsmonopol). Wenigstens sprach der Typ an der Tankstelle wieder jenen Spanischdialekt, den wir in Buenos Aires gelernt hatten.

Ruta 40 – Para Principantes

Ab Bajo Caracoles fuhren wir auf der «Ruta Nacional Nº 40», jener Hauptstrasse, die quer durchs Land führt, von der bolivianischen Grenze im Norden bis zum Cabo Virgenes, dem südlichsten Punkt auf argentinischem Festland. Unser heutiges Teilstück war «bubi-einfach», es war alles asphaltiert, er herrschte praktisch kein Verkehr und meist ging es zwischen zwei Kurven 10 bis 25km geradeaus.

Estancia La Angostura

Trotzdem mussten wir dann mal abbiegen, weil irgendwo da in der weiten Pampas von Santa Cruz jene Estancia lag, wo wir die nächste Nacht verbringen würden. Sie lag ziemlich versteckt in einem Flusstal, bot eine komfortable und herzliche Unterkunft, und ein gutes Asado zum Znacht (ein ganzer Cordero war geschlachtet worden). Auf der Ranch hatte es Rinder, Schafe, Flamingos, Enten, Falken und die obligaten Hunde und Katzen. Alles ganz idyllisch, wäre da nicht der «Bus Aleman» gekommen: Ein Bus mit 35 Deutschen, die hier ebenfalls ihr Asado futterten und dann in Kojen im Bus-Anhänger übernachteten.

¡Viva la Corrupción!

In der Nacht auf Freitag hatte es ein wenig geregnet. Beim feinen Zmorge ergab sich ein längerer Schwatz mit unserer Dueña, die uns kurz die aktuelle Wetter- und Strassensituation erklärte, oder vielmehr die Auswirkungen der argentinischen Korruption. Nämlich gab es auf der RN40 eine Baustelle. Die beauftragte Baufirma hatte schon mal die alte Schotterstrasse entfernt und verlangte dann nochmals Geld für den Bau der Teerstrasse. Inzwischen hatte aber die Regierung gewechselt und der Chef der Baufirma war plötzlich in der «falschen» Partei. Jedenfalls wurde er der Korruption überführt und eingelocht, und die Baufirma hat auf der Strassenbaustelle alles stehen und liegen gelassen. Resultat: Auf der Ruta 40 fehlen 72km Strasse! Also ungefähr wie wenn die A1 zwischen Bern und Fribourg fehlen würde. Und weil es hier die ganze Nacht geregnet hatte, war unklar, ob die «Strasse» überhaupt passierbar war. Als Alternativen schlug uns die nette Dame eine Stadtbesichtigung von Gobernador Gregores oder eine Umfahrung via La Julia (+150km) vor.

Ruta 40 – Para avanzados

Aber wie wir halt so sind, wollten wir erst mal selber hinfahren und sehen. Die ersten Kilometer war alles gut, aber dann tauchten die ersten Baustellenschilder auf: «Peligro» und so. Zudem hatte es wieder zu regnen begonnen. Irgendwann war dann der Kies tatsächlich fertig und vor uns lag nur noch ein lehmiger Acker. Wir fuhren jetzt noch mit 30-40km/h, mit 4×4 und Differentialsperre und schlingerten dennoch einigermassen unkontrolliert quer über die breite Piste hin und her.

Embarrancado

Nach einer guten halben Stunde trafen wir auf ein chilenisches Paar, das mit seinem Kombi steckengeblieben war. Natürlich hielten wir an, und zusammen mit einem entgegenkommenden Lenker versuchen wir ihnen zu helfen, aber keines der Autos hatte ein Abschleppseil dabei. Schliesslich schoben wir das Auto von Hand frei und schafften es, die Karre zu drehen, denn die beiden wollten lieber wieder zurück (und damit die rund 250km Umweg in Kauf nehmen).

Barro y Lodo

Als Resultat dieser Aktion hatten wir nun zentimeterdicken Dreck an unseren Schuhen und sahen unser Auto erstmals von aussen: Zwischen Rädern und Kotflügeln war alles mit Lehm aufgefüllt und auch am Unterboden klebte eine dicke Schicht Matsch. Überhaupt war unser Auto jetzt braun-beige und nicht mehr silberfarben. Nachdem die Schuhe notdürftig geputzt waren, schlingerten wir weiter, froh, dass wir nur helfen mussten und nicht selber in dieser doofen Situation steckten. Eine gefühlte Ewigkeit später tauchte dann in der Ferne wie eine Fata Morgana ein Streifen asphaltierte Strasse auf und tatsächlich, wir hatten es geschafft. Was für ein Abenteuer!

Tres Lagos

Nach einer gemütlichen Stunde auf Asphalt erreichten wir in Tres Lagos die nächste Tankstelle. Die Tankwartin schaute ungläubig unser Auto an und fragte: «Vienen del norte, ruta 40?» und «No lo creo, que feo!». Ein paar australische Jungs kamen dann auch noch fragen, und als ich ihnen erklärte, dass dieser Acker mit ihrem gemieteten Camper-Minibus wohl nicht zu schaffen sei, meinten sie trocken: «that’s what we wanted to hear, thanks» und entschieden sich für den sicheren Umweg über La Julia. Wir gönnten uns erst einmal ein paar Empañadas und brausten danach in einer Stunde nach El Chaltén. Ganz gemütlich, auf geteerter Strasse, versteht sich.

De Guanacos y Gauchos

Unser letztes Teilstück auf der Carretera Austral war nochmals sehr eindrücklich, denn es führte dem Río Baker entlang, Chiles wasserreichstem Fluss. Dieser zieht zuerst breit und ruhig dahin, die Gegend ist ein Anglerparadies. Doch weiter bergab verschwindet er tosend in einer schmalen Schlucht und fliesst mit anderen Flüssen zusammen.

Kurz vor der Stadt Cochrane verliessen wir die Carretera Austral und bogen auf eine kleine Nebenstrasse ab, die durchs einsame Valle Chacabuco zur argentinischen Grenze führt. Doch noch wollten wir nicht zur Grenze, denn im Tal befindet sich eine Lodge, wo wir noch zweimal übernachteten. Dass der Aufenthalt in diesem Tal etwas ganz Spezielles werden würde, kündigte sich schon kurz nach der Abzweigung an: Gleich neben der Strasse weidete friedlich eine Herde Guanaco und schien sich an unserem Vorbeifahren nicht sehr zu stören. Mit jedem Kilometer veränderte sich die Vegetation und wechselte mehr und mehr zum Grasland, das die Leute hier bekanntlich Pampas nennen.

Bald erreichten wir die Lodge, welche ganz idyllisch im Tal liegt. Das Anwesen mit Restaurant, Park-Information, Campingplatz und Lodge ist ziemlich schön und ziemlich schick (Englische Architektur, so eine Art Neo-Kolonialstil), was uns natürlich super gefiel. Zugegebenermassen war es auch nicht ganz die billigste Unterkunft auf unserer Reise. Fürs Mittagessen mussten wir gleich das Restaurant ausprobieren und wir wurden nicht enttäuscht: Essen mit Blick auf die lokale Guanaco-Herde und Salat/Gemüse aus dem eigenen Garten/Gewächshaus. Am Nachmittag gingen wir dann eine Runde wandern, doch weil wir beide wie die kleinen Kinder alles erkunden mussten, ständig stehenblieben und Fotos schossen, hatten wir schlussendlich für die kurze Strecke fast doppelt so lang wie vom Führer angegeben.

Auch das Nachtessen liess kulinarisch keine Wünsche offen, so mussten wir auch am Folgetag auf eine Wanderung, um die vielen Kalorien wieder abzutrainieren. Wir starteten gleich nach dem Frühstück auf den «Lagunas Altas» Trail, eine 25km lange Rundwanderung mit knapp 1’000m Höhendifferenz. Die Tour war zwar anstrengend, aber sehr schön: Die Route führte an sieben Bergseen vorbei und die Aussicht erstreckte sich von der argentinischen Grenze im Osten bis zu den schneebedeckten Bergen des Eisfelds im Westen, und natürlich konnte man das gesamte Tal überblicken.

Die Geschichte dieses Tals, sowie jene von vielen anderen Natur- und Nationalparks Patagoniens ist äusserst interessant und geht auf die Initiative von Douglas und Kristine Tompkins zurück. Man mag dieses kalifornische Ehepaar nicht beim Namen kennen, wohl aber ihre beiden Outdoor-Marken: Douglas Tompkins war Mitgründer von «The North Face» und Kristine CEO von «Patagonia». Die beiden steckten ihr Geld (und ihr Herzblut) aber nicht in Yachten und dicke Autos, sondern in grosse naturbelassene Landparzellen in Chile und Argentinien, mit dem Ziel, diese so vor Abholzung und industrieller Nutzung zu schützen. So haben die beiden seit 1991 mit ihrer Stiftung mehr als 8’000km2 Land aufgekauft, konserviert und z.T. dem Staat vermacht, mit der Auflage, das Land in einen Nationalpark umzuwandeln.

Das Valle Chacabuco steckt noch mitten in diesem Prozess: Bis vor rund 10 Jahren stand hier eine runtergewirtschaftete Estancia, die mit der intensiven Schafzucht den Boden fast zerstört hatte. Kris Tompkins kaufte das Anwesen (690km2!), behielt das Personal und verkaufte Schafe und Rinder. Um das natürliche Grasland wieder herzustellen, wurden mit viel Hand- und Fronarbeit die invasiven Pflanzen ausgerissen. Fast 650km Weidezäune wurden entfernt, damit sich Guanaco und Huemul wieder ansiedeln konnten (das Tal liegt zwischen zwei anderen Naturparks). In ein paar Jahren soll aus dem Valle Chacabuco dann offiziell der «Parque Nacional Patagonia» werden, einen Besuch wert ist das Tal schon heute.