Das Dorf Puerto Rio Tranquilo ist zwar tatsächlich sehr tranquilo, aber da es am Eingang des Valle Exploradores liegt, ist es der ideale Ausgangspunkt für allerlei Exkursionen aufs nördliche Eisfeld von Patagonien. Wir hatten eigentlich vorgehabt, mit Auto und Schlauchboot zur Lagune San Rafael rauszufahren, denn dort kalbt der San Rafael-Gletscher direkt ins Meer. Aber am Sonntag war das Wetter zu schlecht (starker Wind und etwas Regen) und so fuhr kein Boot hinaus. Wir waren dann aber nicht ganz unglücklich über den gewonnenen freien Tag, denn erstens tat es uns ganz gut, nach dem vielen Fahren mal wieder ein wenig auszuspannen, zweitens war dann das Wetter noch schlechter als angekündigt und drittens war unser Hostal, das El Puesto, einfach supergemütlich und bequem.

Am Montag war das Wetter zwar kälter, aber wieder besser. Über Nacht hatte es in den Bergen geschneit und so hatte sich die Kulisse bereits wieder verändert. Aber die andere Tour, die wir hier machen wollten, fand statt: Per Kajak gingen wir die Capillas de Marmol anschauen. Dabei handelt es sich um ein paar Felsen im Wasser, wo der Lago General Carrera in den letzten paar Millionen Jahren genügend Zeit hatte, den Stein auf Wasserhöhe abzufeilen und – wie der Spruch sagt – zu höhlen. Heute stehen diese Felsen praktisch auf Stelzen und wir hofften natürlich, dass diese nicht gerade dann zusammenbrachen, als wir unten durch paddelten. Sie hielten durch, trotz unseren Kollisionen mit dem unsteuerbaren Kajak. Und nach drei Stunden paddeln freuten wir uns auf einen heissen Kaffee und auf den Muskelkater, den wir am nächsten Tag unweigerlich kriegen würden.

Anschliessend waren nochmals 60km auf der Carretera angesagt, denn unser nächstes Nachtlager war in Puerto Guadal. Übrigens haben wir uns vom Kajak-Guide sagen lassen, dass hier alle Dörfer «Puerto irgendwas» heissen, weil früher sämtlicher Verkehr über den See ging. Die Strasse nach Puerto Rio Tranquilo zum Beispiel wurde erst vor rund 20 Jahren gebaut. Wir Europäer können uns nur schwer vorstellen, dass hier noch vor kurzem einfach «nichts» war, hat doch bei uns jeder Stein eine tausendjährige Geschichte. Kein Wunder, heissen hier Campings, Hostals und Dorfstrassen vielfach «Exploradores», «Pioneros» oder sind nach den Namen berühmter Entdecker benannt.

Heute überholten wir auf der «Carretera Austral» übrigens eine Joggerin, mitten im Niemandsland und weit weg von jeder Siedlung! Sachen gibt’s. Und dann muss ich hier auch endlich mal das «Calafate Ale» von Cerveza Austral erwähnen. Dieses Bier ist einfach der Hammer und wäre für sich alleine schon ein Grund, später wieder mal nach Patagonien zu kommen (verbunden mit einer Expedition in die Antarktis natürlich). Gebraut wird es in Punta Arenas von der vermutlich südlichsten Brauerei der Welt, ausser es gäbe in Ushuaia noch eine. Aber wahrscheinlich trinken sie dort Quilmes oder Stella Artois. So begann also unser Aufenthalt in Puerto Guadal mit einem «Austral Calafate», welches wir in einer kleinen Bar zusammen mit etwas Internet kriegten. Die Zeiten ändern sich eben: Früher fragte man nach dem Bestellen nach der Toilette, heute möchte man sofort das WiFi-Passwort wissen: «Una cerveza por favor, y cual es la llave para el ueifi?»






Baustelle bei Regen (Foto: Carmen)
Am Samstag fuhren wir nach San Isidro an die «Perú Beach», weil wir gehört hatten, dass es hier sehr schön sei und zudem eine Kletterwand habe. Die Reise in diese Vorstadt dauerte dann ein wenig länger als geplant, weil nämlich der Zug an der «Barrancas»-Station wegen Bauarbeiten einfach durchfuhr und wir nicht wie vorgesehen aussteigen konnten. So wurde der Spaziergang etwas länger und der Hunger etwas grösser, bis wir dann an der Perú Beach ankamen. Die Anlage versammelt verschiedene Sporteinrichtungen und ist so eine Art Zürihorn von BsAs. Und am Samstagnachmittag tummeln sich hier gefühlte 3 Porteños pro Quadratmeter. Nach einer kurzen Inspektion von Kletterwand und Mietmaterial entschieden wir uns, das Klettern auf ein andermal zu verschieben. Stattdessen setzten wir uns mit einem dicken Fleischbörger und einer Cerveza auf die Terrasse und schauten den Kite-Surfern zu.
Am Sonntag stand dann Frühstücken auf dem Programm: Nachdem wir bis jetzt immer zuhause Müesli gefuttert hatten, war die Lust auf ein ausgiebiges argentinisches Frühstück gross. Im Café «Pertutti» an der Santa Fe wurde uns ebendieses aufgetischt: Kaffee, Orangensaft, Medialunas, Fruchtsalat, Toasts und ein Stück Torte nach Wahl. Hab ich schon mal erwähnt, dass es die Argentinier gerne süss haben?
Am Montagabend gingen wir nur rasch ins Shopping Center. Nicht etwa, weil wir noch etwas brauchten, sondern weil wir das einfach selber sehen mussten: Das «Abasto» ist eines der grössten Shopping Centers in BsAs und liegt in der Halle des früheren Engrosmarkts. Es beherbergt nebst mehreren Einkaufsebenen und dem obligaten «Food Court» auch noch einen Vergnügungspark. So steht also tatsächlich im vierten Stock ein Riesenrad (!), ein Piratenschiff, eine Achterbahn, ein Karussel, Autoscooter und vieles mehr…
Am Mittwoch wurde ich meinem Bruder untreu und ging zum Coiffeur. Das Resultat kann sich durchaus sehen lassen. Abends besuchten wir eine Milonga. Auch wenn genausowenig alle Porteños Tango tanzen wie alle Schweizer jodeln, so ist BsAs dennoch die Hauptstadt des Tango und jeder Besuch der Stadt wäre unvollständig ohne eine Milonga. Unsere Milonga begann mit einem stündigen Tango-Kurs, damit man wenigstens die Tanzrichtung und den Schritt wieder einigermassen im Griff hatte. Anschliessend trat die Hausband für ein (grässliches) Live-Konzert auf, dann folgte die Milonga (Tanz). Abschliessend zeigte uns dann noch ein Profi-Paar, wie Tango aussieht, wenn man’s richtig beherrscht.
Am Donnerstag und Freitag machten wir fürs Nachtessen nochmals Palermo unsicher, denn inzwischen hatten wir unsere Vorräte aufgebraucht und der Kühlschrank war leer. Und schliesslich: Koffer packen, Wohnung abgeben, Taxi zum Flughafen, einchecken. Fortsetzung folgt.