{"id":889,"date":"2017-05-31T09:34:59","date_gmt":"2017-05-31T08:34:59","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/?p=889"},"modified":"2017-05-31T09:34:59","modified_gmt":"2017-05-31T08:34:59","slug":"im-kopf-des-drachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/im-kopf-des-drachen\/","title":{"rendered":"\u5728\u9f99\u7684\u5934 \u2013 Im Kopf des Drachen"},"content":{"rendered":"<p>Seit knapp zwei Wochen sind wir nun in <strong>Shanghai<\/strong>. Nach <a href=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/hemos-llegado\/\">Buenos Aires<\/a>, <a href=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/sleepless-in-sydney\/\">Sydney<\/a> und <a href=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/analphabeten-im-hanok\/\">Seoul<\/a> ist das die vierte Stadt, wo wir eine l\u00e4ngere Zeit bleiben. Und ich muss gleich zu Beginn zugeben: Shanghai und ich, wir beide brauchten eine Weile, um uns aneinander zu gew\u00f6hnen. Die Stadt ist riesig\u00a0und\u00a0l\u00e4rmig, vieles scheint auf den ersten Blick chaotisch und unverst\u00e4ndlich. An jeder Ecke prallt postmodern auf traditionell, steht ultra-cooles neben sch\u00e4bigem. Der Kapitalismus hat zwar das Land \u00fcberrannt, aber noch nicht alle Traditionen beseitigt: Da f\u00e4hrt bimmelnd der Altkartonsammler mit seinem rostigen Dreirad vor dem neusten Gucci-Prada-Shopping-Tempel vorbei, dort steht zwischen zwei Alleeb\u00e4umen ein Tesla an der Strasse parkiert, dar\u00fcber h\u00e4ngt nasse W\u00e4sche zum Trocknen\u2026<\/p>\n<p>In den letzten Tagen habe ich einige Anl\u00e4ufe genommen, um meine Wahrnehmung von Shanghai (bzw. von China und den Chinesen allgemein) in die richtigen Worte zu fassen.\u00a0Je nach momentaner Befindlichkeit w\u00e4re der Blog-Bericht recht\u00a0unterschiedlich rausgekommen. Auch jetzt f\u00e4llt es mir noch schwer, meine Erlebnisse zu beurteilen.\u00a0Tatsache ist, dass dieses Land in den letzten 40 Jahren einen enormen\u00a0Modernisierungsschub erfahren hat, der zwar den meisten Chinesen mehr Lebensqualit\u00e4t und manchen etwas Wohlstand gebracht hat, der das Land aber auch in einem nie dagewesenen Mass ver\u00e4ndert hat. So eindr\u00fccklich dieser Wandel ist, an manchen Dingen zeigt sich aber auch, dass (nach unserem westlichen Verst\u00e4ndnis)\u00a0noch nicht alles reibungslos\u00a0funktioniert. Dazu zwei augenzwinkernde Beispiele.<\/p>\n<div id=\"attachment_891\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-891\" class=\"size-full wp-image-891\" src=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-2-Bund.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-2-Bund.jpg 900w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-2-Bund-300x175.jpg 300w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-2-Bund-768x448.jpg 768w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-2-Bund-600x350.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><p id=\"caption-attachment-891\" class=\"wp-caption-text\">Am Bund<\/p><\/div>\n<h4>Beispiel 1: Metro Shanghai<\/h4>\n<p>Noch 1992 fuhr in Shanghai keine U-Bahn, heute hat die Stadt das zweitgr\u00f6sste Metro-Netz der Welt. In einem Affenzahn wurde hier eine moderne U-Bahn gebaut und auch heute noch wird was Netz laufend erweitert. Jede Station hat eine grossz\u00fcgige Halle und ist \u00fcber mehrere Zug\u00e4nge erreichbar.<\/p>\n<p>Doch offenbar waren sp\u00e4ter neue Sicherheitsmassnahmen angeordnet worden, denn heute steht in jeder Station ein Gepackscanner und die ganze Halle ist mit Absperrungen verstellt, damit alle Leute an der Security vorbei m\u00fcssen. Soweit, so \u00e4rgerlich. Nun ist es aber so, dass sich die Leute einen Dreck um die Sicherheitskontrollen k\u00fcmmern! Kaum jemand legt seinen Rucksack oder seine Tasche aufs Band, und auch wir haben schon am dritten Tag begonnen, achtlos an den geflissen winkenden Kontrolleuren vorbeizugehen. Offenbar sind die armen Kerle nicht mit den n\u00f6tigen Vollmachten ausgestattet, um ihre Kontrolle auch wirklich durchzusetzen. Die ganzen Stationen sind also f\u00fcr nichts verstellt, aber hunderttausende Personen machen deswegen t\u00e4glich sinnlose Umwege, m\u00fcssen Gedr\u00e4nge und Wartezeiten erdulden\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_892\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-892\" class=\"size-full wp-image-892\" src=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-3-Berghaus.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-3-Berghaus.jpg 900w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-3-Berghaus-300x175.jpg 300w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-3-Berghaus-768x448.jpg 768w, https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/2017-05-31-Shanghai-3-Berghaus-600x350.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><p id=\"caption-attachment-892\" class=\"wp-caption-text\">Ein Hochhaus als baumbewachsener Fels? Wieso auch nicht\u2026<\/p><\/div>\n<h4>Beispiel 2: Geld wechseln<\/h4>\n<p>Wer in China etwas bezahlen muss, der macht das via H\u00e4ndy. Und zwar per WeChat, Alipay, Samsung Pay, Apple Pay oder mit einer der anderen MobilePay-L\u00f6sung, deren chinesischen Namen ich noch gar nicht entziffern konnte. Das ist toll, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig in der Schweiz die Banken noch immer versuchen, Apple Pay zu verhindern, w\u00e4hrenddem sie bei Twint an der Logo-Farbe rumwerkeln.<\/p>\n<p>Da in China aber vielerorts nur lokale Kreditkarten akzeptiert werden, sind wir Touristen noch ganz altmodisch mit Bargeld unterwegs, und vor ein paar Tagen musste ich wieder mal welches wechseln. Also ging ich mit meinen 200 US-Dollar zur ICBC, Chinas gr\u00f6sster Bank. Nach\u00a0einem\u00a0\u00e4ltere Ehepaar mit Bankb\u00fcechli (das gibt\u2019s hier auch noch!) war ich an der Reihe. Und jetzt wurde es schwierig. Nicht, weil ich kein Chinesisch konnte, sondern weil die Schalterbeamtin am Computer den L\u00e4ndercode f\u00fcr die Schweiz eingeben musste und weder \u00abCH\u00bb, \u00abCHE\u00bb oder \u00abSWI\u00bb akzeptiert wurden (auch ein verzweifeltes \u00abCHF\u00bb half nicht). Schon nach kurzer Zeit waren bis zu f\u00fcnf Bankbeamte in die Probleml\u00f6sung involviert und tats\u00e4chlich knackte einer den geheimnisvollen Code: \u00abSUI\u00bb! Als n\u00e4chstes wurde meine Shanghaier Adresse und meine Telefonnummer ben\u00f6tigt. Hatte ich nat\u00fcrlich alles, aber oha,\u00a0die Telefonnummer m\u00fcsse von einem chinesischen Anschluss sein. Ich sagte, dass ich auf meiner Schweizer Nummer bestens erreichbar sei, doch das gen\u00fcgte nicht. Es ginge ja nicht darum, mich zu erreichen, erkl\u00e4rte mir eine nette \u00dcbersetzerin, worauf ich meinte, wir k\u00f6nnten doch einfach ihre Nummer angeben. Dieser Vorschlag war offenbar so ungeh\u00f6rig, dass nun an allen Schaltern die Computer abst\u00fcrzten.<\/p>\n<p>Die wartende Menge im Schalterraum war inzwischen auf eine betr\u00e4chtliche Gr\u00f6sse angestiegen und entsprechend stieg die Nervosit\u00e4t bei den B\u00e4nklern. Und wer schon mal auf einer Bank gearbeitet hat, weiss wie lange es dauert, bis so ein Computer nach einem Neustart wieder einsatzbereit ist. Einzelne Beamte vertrieben sich die Zeit mit dem Z\u00e4hlen von Banknoten: Die Chinesen z\u00e4hlen Geld immer einh\u00e4ndig, das sieht ein wenig aus wie bei Michel Gammenthaler, wenn er einen Kartentrick zeigt. Mir aber ging langsam die Geduld aus und ich tat meine Absicht kund, das ganze Unterfangen abzubrechen. Einfach davonlaufen konnte ich ja nicht, weil mein Pass und die 200 Bucks noch auf der anderen Seite der dicken Glasscheibe lagen. Offenbar hatte ich damit aber die chinesische Ehre angestachelt, denn kaum war der Computer wieder aufnahmef\u00e4hig, ging es pl\u00f6tzlich schnell: Name, Passnummer, \u00abSUI\u00bb, chinesische Adresse etc. wurden nochmals eingetippt, Noten wurden abgez\u00e4hlt, Belege wurden ausgedruckt. Nach \u00fcber einer Stunde hatte ich meine Renminbi erhalten. Keine Ahnung, wessen Telefonnummer letztendlich herhalten musste\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit knapp zwei Wochen sind wir nun in Shanghai. Nach Buenos Aires, Sydney und Seoul ist das die vierte Stadt, wo wir eine l\u00e4ngere Zeit bleiben. Und ich muss gleich zu Beginn zugeben: Shanghai und ich, wir beide brauchten eine Weile, um uns aneinander zu gew\u00f6hnen. 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