{"id":861,"date":"2017-05-21T08:45:39","date_gmt":"2017-05-21T07:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/?p=861"},"modified":"2020-06-18T23:26:56","modified_gmt":"2020-06-18T22:26:56","slug":"der-verdammte-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/der-verdammte-fluss\/","title":{"rendered":"\u8a72\u6b7b\u7684\u6cb3 \u2013 Der verdammte Fluss"},"content":{"rendered":"<p>In Yichang begann unsere Flusskreuzfahrt auf dem Jangtse. Die n\u00e4chsten drei Tage w\u00fcrden wir auf Chinas gr\u00f6sstem Fluss rund 600km aufw\u00e4rts fahren und dabei die ber\u00fchmten Schluchten Xiling, Wu und Qutang durchqueren. Jene\u00a0drei Schluchten, die dem gr\u00f6ssten Ingenieurbauwerk Chinas den Namen gegeben hatten. Die Talsperre liegt nur wenige Kilometer flussaufw\u00e4rts von Yichang und schon am Mittag hatte unser Schiff hier die Warteposition erreicht. Wir Passagiere gingen an Land, um die Staumauer und die umliegenden Anlagen zu besichtigen.<\/p>\n<p>Der lokale Reiseleiter begr\u00fcsste uns mit einem routinierten: <em>\u00abI\u2019m your dam guide\u00bb<\/em>, dann fuhren wir mit dem Bus zum Three-Gorges-Garden (fr\u00fcher der Standort einer Betonmischanlage), schauten die sch\u00f6nen Blumenbeete an, die alle paar Wochen neu bepflanzt w\u00fcrden, bestaunten die riesige Staumauer, der dieser Gegend so viel Gutes gebracht habe (und immer noch bringe), guckten Baumaschinen und Transistoren an, mit deren Verkauf die westlichen Firmen hier ein so gutes Gesch\u00e4ft mit den Chinesen gemacht h\u00e4tten und so weiter. Kurzum: Es wurde uns eine sch\u00f6ne, heile Welt pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Unser Tourguide macht den Job seit 19 Jahren, also seit er sein Heimatdorf verlassen musste. Auf der Karte zeigte er uns, wo es gelegen hatte, denn heute ist es \u00fcberflutet, genauso wie die Felder, wo sein Vater bis zur Umsiedelung Orangen und Mandarinen angebaut hatte. Aber, erz\u00e4hlte er uns strahlend, die Dorfbewohner seien alle in eine neu gebaute Stadt bei der Talsperre umgesiedelt worden, hier h\u00e4tten sie jetzt fliessendes Wasser in der Wohnung und \u00abfive star toilets\u00bb. Der Staat habe sogar daf\u00fcr gesorgt, dass die Leute gemeinsam umgesiedelt wurden und so immer noch in gleicher Nachbarschaft leben k\u00f6nnten. Das sei gerade f\u00fcr die Generation seiner Eltern sehr wichtig gewesen, sagte er. Sein Vater h\u00e4tte jetzt \u00fcbrigens einen kleinen Laden, wo er (guess what!) Orangen und Mandarinen verkaufe.<\/p>\n<p>Der Guide kannte sich auch mit Zahlen aus: 700 Megawatt Leistung habe eine Turbine, 34 St\u00fcck davon bilden das Kraftwerk, welches bei Inbetriebnahme fast 10 Prozent des chinesischen Stromverbrauchs abgedeckt habe. Infolge des gestiegenen Verbrauchs seien es heute nur noch knapp 2 Prozent, aber China werde bis 2020 noch 20 weitere solche D\u00e4mme bauen und dann 30 Prozent des Strombedarfs mit Wasserkraft decken. Beim Bau habe es zudem weniger Tote gegeben als beim Bau des Hoover Dam, die Stromproduktion sei h\u00f6her als beim Assuan-Staudamm, das Wasser falle tiefer als bei den Victoria Falls, die Mauer sei \u00abdicker als\u00bb, \u00abbreiter als\u00bb und so weiter. So langsam hatte\u00a0ich von dieser Propaganda genug. Aber man sah, dass der Mann wirklich glaubte, was er uns erz\u00e4hlte. Logisch, er wiederholt es seit 19 Jahren t\u00e4glich. 1.3 Millionen Umgesiedelte sind jetzt gl\u00fcckliche Menschen, weil sie vom Staat ein Five-Star-Klo bekommen haben\u2026\u00a0Aber vielleicht will er auch nichts anderes glauben, weil er\u00a0die Wahrheit nicht ertragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf dem Schiff hingegen sprach ein anderer Chinese relativ offen dar\u00fcber, dass in Wirklichkeit wohl eher gegen 2 Millionen Menschen umgesiedelt worden waren, dass das mit dem Dammbau angestrebte Hauptziel (Schutz vor \u00dcberschwemmungen) nicht erreicht worden sei, und dass die Nebenwirkungen des Baus noch nicht absehbar seien. Man wisse aber schon heute, dass das immense Gewicht des neuen Stausees einen Einfluss auf die Plattentektonik habe und damit m\u00f6glicherweise das verheerende Erdbeben in Sichuan ausgel\u00f6st haben k\u00f6nnte. Dieses ereignete sich n\u00e4mlich 2008 kurz nachdem der Stausee erstmals vollst\u00e4ndig aufgef\u00fcllt war, in einer Gegend, wo zuvor nur selten Erdbeben aufgetreten waren.<\/p>\n<p>L\u00e4sst man die sozialen und politischen Aspekte beiseite, ist die Drei-Schluchten-Talsperre ein sehr\u00a0imposantes Bauwerk. Von weitem sah es nur deshalb nicht ganz so spektakul\u00e4r aus, weil man die Gr\u00f6sse von Talsperre und Schleusensystem noch gar nicht richtig einsch\u00e4tzen konnte. Erst als unser Schiff in die erste Schleuse einfuhr, sahen wir, wie gross das alles wirklich war. Jedes der f\u00fcnf Becken ist 280m lang und der Wasserspiegel wird bei jeder Schleusenstufe um 22m angehoben. So \u00fcberwanden wir in rund 3 Stunden 110m H\u00f6he.<\/p>\n<p>Beim Bau des \u00abThree Gorges\u00bb waren damals rund 8\u2019800 Millionen Kubikmeter Fels und Erde abgetragen worden, und f\u00fcr die Erstellung der Staumauer war der ganze Fluss kurzfristig umgeleitet worden. Die Erstellung der Drei-Schluchten-Talsperre war zweifellos eine ingenieurtechnische Meisterleistung und ein Mammut-Projekt. Wer, wenn nicht die Chinesen h\u00e4tten so ein Riesen-Bauwerk erstellen k\u00f6nnen, schliesslich reicht ihre Erfahrung mit solchen Grossprojekten Jahrhunderte zur\u00fcck (siehe <a href=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/kaiser-qings-privatarmee\/\">Terrakotta-Armee<\/a> und <a href=\"http:\/\/christiankaiser.ch\/talk\/frueher-gegen-mongolen-heute-fuer-touristen\/\">Chinesische Mauer<\/a>)\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Yichang begann unsere Flusskreuzfahrt auf dem Jangtse. Die n\u00e4chsten drei Tage w\u00fcrden wir auf Chinas gr\u00f6sstem Fluss rund 600km aufw\u00e4rts fahren und dabei die ber\u00fchmten Schluchten Xiling, Wu und Qutang durchqueren. Jene\u00a0drei Schluchten, die dem gr\u00f6ssten Ingenieurbauwerk Chinas den Namen gegeben hatten. 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